„Machen den Weg frei, damit andere voltigieren können“

05.08.2025 - Er ist der ruhige Architekt hinter einer der erfolgreichsten Voltigiernationen der Welt: Seit 1997 lenkt Manfred Rebel, der an diesem Wochenende mit dem Goldenen Verdienstkreuz des Österreichischen Pferdesportverbandes ausgezeichnet wurde, als Bundesreferent die Geschicke des österreichischen Voltigiersports – ehrenamtlich, mit Weitblick und einem feinen Gespür für Menschen und Pferde. Im Interview spricht er über fast drei Jahrzehnte Aufbauarbeit, den Zusammenhalt innerhalb der Szene, Nachwuchs mit Perspektive und warum eine WM im eigenen Land weit mehr ist als ein sportliches Großereignis.


Herr Rebel, seit 1997 sind Sie Bundesreferent für Voltigieren. Was hat sich in diesen fast drei Jahrzehnten im Sport am stärksten verändert?
Manfred Rebel: Das ist nicht mehr vergleichbar mit früher. Was einmal eine eher unbeachtete Randsportart war, ist heute hochprofessionell – auch wenn es im Kern Amateursport geblieben ist. Damals wären Physiotherapeuten oder Tierärzte bei Wettkämpfen undenkbar gewesen, heute gehören sie dazu. Das Budget hat sich vervielfacht, der Trainingsaufwand ist enorm gestiegen. Viele unserer Athlet:innen trainieren beinahe täglich. Was sich aber besonders verändert hat, ist das Miteinander: Wir haben Strukturen geschaffen, in denen jede und jeder weiß, was wann zu tun ist – und wir treffen Entscheidungen im Team. Dadurch entsteht ein gegenseitiger Respekt, ohne Neid. Und das macht uns als kleine Nation stark.

Österreichs Voltigierer:innen zählen seit vielen Jahren zur Weltspitze und haben bei Championaten viele Medaillen gewonnen. Worin sehen Sie die zentralen Gründe für diesen nachhaltigen Erfolg?
Rebel: Das sind sicher die gewachsenen Hochburgen in Niederösterreich, Tirol, Salzburg und Steiermark mit ihren erfahrenen Trainer:innen, die über Jahre exzellente Arbeit leisten. Dazu kommen Strukturen, auf die man stolz sein kann: Wir arbeiten mit Mentaltrainer:innen, mit Choreograf:innen, investieren in hochwertige Kostüme – teilweise mit tausenden Swarovski-Steinen –, und wir haben klare Jahresplanungen. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Weg freizumachen und den Rahmen zu schaffen, damit andere voltigieren können.

Wie wichtig ist es, wenn ein Großereignis wie die EM (Allgemeine Klasse) oder WM (Junioren und Young Vaulter) im eigenen Land stattfindet?
Rebel: Ungemein wichtig. Wir sehen bei jedem Championat im Inland, dass danach ein Hype entsteht: mehr Anmeldungen, neue Vereine, mehr Aufmerksamkeit. Heuer sind wir seit Monaten ausverkauft, viele Zuschauer:innen kommen nicht aus der Szene, sondern einfach, weil sie gehört haben, dass hier etwas Besonderes stattfindet. Und das ist es auch.

Was sagen Sie zur Leistung Ihrer Voltigierer:innen bei der Heim-WM in Stadl-Paura?
Rebel: Sensationell. Wir sind bei den Junioren 2–3–4 bei den Damen geworden – bei einer Weltmeisterschaft mit 57 Starterinnen! Das ist fast schon kitschig. Im letzten Jahr hatten wir in dieser Kategorie keine Medaille, heuer gleich mehrere. Auch die Junioren-Gruppe ist eine Erfolgsgeschichte: Sie hat sich quasi spontan bei einer Sichtung formiert – ohne eigenes Pferd, ohne fertige Mannschaft. Und jetzt stehen sie ganz vorne und jubeln über Gold. Das ist das Schöne an unserem Sport: Flexibilität, Zusammenhalt, Vertrauen. Und es kam noch besser: Bronze für Philip Clement – die erste Medaille für die Herren in der Allgemeinen Klasse seit 2013! Außerdem holten sich Flora Maurer und Larissa Jöbstl Gold im Pas de Deux. Und auch die Gruppe Seefeld krönte das Championat mit Bronze in der Allgemeinen Klasse. Besonders erfreulich ging es dann auch am Sonntag weiter. Bei den Young Vaulters holte Anna Weidenauer Gold, Leonie Koller sicherte sich Silber. Zum Abschluss gab es im Nations Cup noch einmal Silber für unser Team – ein starkes Zeichen für den Zusammenhalt und die Breite im österreichischen Voltigiersport.Insgesamt durften wir bei dieser WM neun Mal Edelmetall feiern – ein absoluter Medaillenrekord und ein Wochenende, das uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Voltigieren ist Teamsport – auch hinter den Kulissen. Was macht die österreichische Struktur besonders?
Rebel: Unsere Trainer:innen leisten die tägliche Arbeit – sie sind das Rückgrat. Was wir als Referat machen können, ist die Basis zu legen: Wir bieten offene Trainings an, schaffen Austauschmöglichkeiten, fördern den Nachwuchs gezielt. Das Talente-Team zum Beispiel ist keine offene Bewerbungsrunde, sondern basiert auf Leistung bei drei klar definierten Turnieren. Und wenn du vorne bist, bist du drin – so einfach ist das. Ohne Freunderlwirtschaft, ohne Kompromisse.

Wie gelingt es, den Sport auch auf lokaler Ebene attraktiv zu halten?
Rebel: Indem man zeigt, was möglich ist. Wenn junge Voltigierer:innen mit den Besten trainieren dürfen, motiviert das enorm. Wenn Kinder beim Championat zusehen, wollen sie das auch machen. Und natürlich nutzen wir Medien, Livestreams und Social Media, um die Faszination nach außen zu tragen. Aber entscheidend bleibt das direkte Erlebnis – das Anfassen, das Zuschauen, das Ausprobieren.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?
Rebel: Das Talente-Team ist sicher eines der nachhaltigsten. Es wurde 2013/14 gegründet und ich bin ab dem zweiten Jahr dabei gewesen und konnte es maßgeblich mitgestalten. Wir haben es geschafft, eine Nachwuchsstruktur zu etablieren, die trägt – sportlich und menschlich. Und dass unsere Trainings öffentlich sind, dass jeder kommen und sich etwas abschauen kann, ist mir ein großes Anliegen. Kein Geheimnis, keine Barrieren.

Gab es in all den Jahren ein besonders emotionales Erlebnis?
Rebel: Natürlich gibt es viele. Aber wenn ich eines nennen müsste, dann wäre es der Gruppensieg 2019 in Ermelo. Eine Seniorengruppe Europameister – das ist die Königsdisziplin. So etwas passiert vielleicht alle zehn Jahre. Aber eigentlich zählt jeder Moment, in dem man sieht, wie sich eine Gruppe gegenseitig trägt. Ich bin sehr dankbar, dass ich schon viele tolle Momente mit herausragenden Menschen erleben durfte. Es wäre trotzdem vermessen, da ein Ranking vorzunehmen.

Wo liegen die Herausforderungen der nächsten Jahre?
Rebel: Ein Thema ist der Gruppensport an sich. Es wird diskutiert, ob drei Voltigierer:innen auf einem Pferd noch zeitgemäß sind. Ich bin klar dafür, das beizubehalten. Denn technisch sauber ausgeführte Dreierblöcke belasten das Pferd weniger als ständige Wechsel. Und: Wenn man keine ‚Obermänner‘ mehr braucht, nimmt man nur noch große, schwere Voltigierer:innen – und der Nachwuchs, die leichten Kinder, bleiben auf der Strecke. Das wäre fatal.

Und was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft des Voltigiersports in Österreich?
Rebel: Dass wir diesen Weg weitergehen: mit Offenheit, mit Zusammenarbeit, mit Herz. Es braucht keine Zauberei – es braucht Verlässlichkeit, Struktur und Menschlichkeit. Und ich wünsche mir, dass wir nie vergessen, dass das Pferd unser Partner ist. Nicht unser Werkzeug.

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