„Kurzfristig ist die Welt zusammengebrochen“

12.05.2023 - Eva Nagiller gehört seit Jahren zu den heimischen Aushängeschildern der Sparte Voltigieren. Die 26-jährige Tirolerin geht in ihrem Sport in allen Bereichen voll auf, legt eine große Portion Leidenschaft an den Tag und sorgt mit ihrem Studium (Sport sowie Ernährung & Haushalt auf Lehramt) in Innsbruck bereits für die Zukunft vor. Die zielstrebige Athletin der Voltigier-Gruppe Pill, die als sehr weltoffener Mensch gilt, gibt in einem ausführlichen Interview nun spannende Einblicke.


Du bist ja seit vielen Jahren im Voltigier-Geschäft. Wie waren eigentlich deine Anfänge und welche Faszination steckt dahinter?
Eva Nagiller: Ich bin damals durch eine Schulfreundin dazugekommen. Ich war immer schon sportbegeistert. Sie hat mich mitgenommen und ich bin dann dortgeblieben. Es hat mir einfach gut gefallen, vor allem die turnerischen Aspekte, die Bewegung am ganzen Körper. Am Anfang war ich nie so das klassische Pferdemädchen, aber ich habe die Pferde lieben gelernt. Die Kombination aus der eigenen Leistung und der Arbeit mit den Tieren macht es für mich so speziell und fasziniert mich immer noch. Wichtig ist, dass man das Pferd nicht als Turngerät sieht, sondern in ihm einen gleichwertigen Partner. Es ist ein Lebewesen und kann auch Fehler machen, genauso wie wir das auch tun. Wenn man dann jedoch harmoniert, ist das ein unbeschreiblich gutes Gefühl.

Vor Kurzem habt ihr beim Weltcupfinale in Amerika im Pas de Deux stark performt. Wie war das Erlebnis in Omaha?
Nagiller: Nach Leipzig 2021 war es unser zweites Weltcupfinale. Es war sehr speziell und die Voraussetzungen waren anders, da wir unser eigenes Pferd nicht mitnehmen konnten. Wir haben uns davor Videos von den zur Verfügung stehenden Pferden angeschaut und uns dann entschieden. Im Nachhinein kann man sagen, es war die richtige Entscheidung und es ist fast perfekt gelaufen. Es macht schon was her, wenn man mit den Dressur- und Springreiterinnen und -reitern in einer Halle ist. Es ist toll, auf so einem großen Event zu sein und sich mit den besten Teams der Welt auf einem hohen Niveau messen zu können. Für mich persönlich war es der erste Wettkampf außerhalb von Europa. Ich war wirklich beeindruckt – ein richtig lässiges Erlebnis. Abgerundet wurde das Ganze mit einer sehr ansprechenden sportlichen Performance.

Apropos Pferd. Wie habt ihr euch da so schnell darauf eingestellt?
Nagiller: Normalerweise dauert das schon eine Zeit lang. Zu Hause bin ich beispielsweise letztes Jahr auf ein neues Pferd gewechselt, wir haben langsam zusammengefunden, Vertrauen aufgebaut und jetzt kann ich mit Fug und Recht sagen, dass das für die Saison richtig gut passen wird. Aber es war in Amerika eine spannende Herausforderung, sich schnell auf ein neues Team einzustellen. Wir haben da aber echt Glück gehabt, es hat super gepasst. In Österreich arbeite ich aktuell mit zwei Pferden. Im Pas de Deux ist Idefix aktuell in der Poleposition. Er ist aber nicht so, wie sein Name vielleicht vermuten lässt. Idefix ist außergewöhnlich groß, sodass man viel Platz hat. Wenn man den Fuß vielleicht nicht ganz sauber setzt, ist bei seiner Größe nichts passiert. Im Einzel arbeite ich mit Lavalino. Er geht ganz regelmäßig, setzt einen Schritt nach dem anderen. Somit muss man nie das Tempo ausgleichen, das hilft mir sehr.

Die österreichischen Voltigierer:innen zählen ja seit vielen Jahren zur internationalen Benchmark. Gibt es dafür spezielle Gründe?
Nagiller: Bei uns in Österreich gibt es ein paar Vereine, die vorne dabei sind. Die Obfrauen bzw. -männer machen da einen richtig guten Job. So steckt Maria Lehrmann in Wildegg sehr viel Leidenschaft und Energie hinein und hat ein super Auge als Trainerin. Auch mein Trainer, Klaus Haidacher, ist unglaublich und bringt uns immer weiter nach vorne, ebenso die Verantwortlichen beim Club 43. Das macht es aus. Aber auch in Seefeld passieren sehr viele positive Dinge. Da sind einfach Charaktere am Werk, die für unseren Sport alles geben und ein sehr großes Know-how einbringen. Daher kommen auch immer wieder junge Sportlerinnen und Sportler nach. Sie trainieren frühzeitig mit uns erfahrenen und profitieren da sehr früh davon. Da kann man beispielsweise Anna Weidenauer herausheben, die bei den Junioren alles abgeräumt hat. Sie ist voll motiviert und geht ihren Weg. Da werden wir in Zukunft noch sehr viel Freude haben. Aber auch in Tirol gibt es einige Talente, die nachschieben. Wir brauchen uns somit keine Sorgen um die Zukunft zu machen.

Wo soll denn deine persönliche Reise noch hingehen? Welche Ziele stehen bei dir aktuell am Zettel?
Nagiller: Ich lasse viele Dinge einfach passieren. Man kann im Leben nicht immer alles beeinflussen, daher will ich da nicht zusätzlich Druck aufbauen. Wenn ich weiter hart trainiere und meinen Weg gehe, werden sicherlich noch viele schöne Momente kommen. Die Europameisterschaft heuer habe ich aber schon im Fokus, da schaut es mit einer Qualifikation sehr gut aus. Und auch die Weltmeisterschaft in Bern 2024 wäre spannend. Das sind so meine nächsten Ziele. Wir versuchen einfach weiterhin, unsere bestmögliche Performance zu bringen.

Gibt es eigentlich so den klassischen schönsten/emotionalsten Moment in deiner Karriere?
Nagiller: Da würde ich die Weltmeisterschaft 2021 an den ersten Platz stellen. Es war für mich ein Wechselbad der Gefühle, eine richtige Achterbahnfahrt. Ich war auf dem besten Weg zu einer Medaille und war ganz knapp am großen Coup dran. Leider ist mir bei der letzten Übung in der Kür ein großer Fehler passiert und ich bin vom Pferd runtergefallen. Da ist kurzfristig eine Welt für mich zusammengebrochen. Wie ich dann gesehen habe, dass es noch für Bronze gereicht hat, war das richtig emotional und die Freude dementsprechend groß. Aber auch die Bronzemedaille im Pas de Deux mit Romana Hintner 2019 steht im Ranking ganz weit oben. Wir hatten nie damit gerechnet, dass wir nach unserem Start 2018 so weit kommen würden.

Wie kommt man eigentlich als Athletin einer nicht olympischen Sportart dazu, im Olympiazentrum Tirol zu trainieren? Auf den ersten Blick ist das ja nicht schlüssig.
Nagiller: Ich habe lange nicht gewusst, dass im Olympiazentrum Tirol auch nicht olympische Sportarten aufgenommen werden. Daher bin ich selbst erst seit letztem November dabei. Christian Raschner, den ich übrigens auch als Dozenten an der Uni hatte, setzte sich immer für Randsportarten ein und will diese auch fördern. Daraufhin habe ich das Gespräch gesucht. Er hat mein Anliegen verstanden und mir diese Trainingsmöglichkeiten in dieser unglaublichen Infrastruktur ermöglicht, damit ist für mich die Türe aufgegangen. Dafür bin ich sehr dankbar und ich konnte seither mein Training facettenreicher gestalten. Da ich zudem am gleichen Campus studiere, ist das einfach perfekt.

Mit deinem Studium und dem umfangreichen Training ist dein Terminkalender sicher schon gut gefüllt. Bleibt da überhaupt noch Zeit für andere Aktivitäten?
Nagiller: Viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ich gehe in der Früh auf die Uni und am Abend habe ich Training. Am Wochenende sind meistens Turniere oder Kadertrainings. Wenn ich mal ein Zeitfenster habe, unternehme ich gerne etwas mit Freunden und versuche mich in anderen Sportarten. Was den Outdoor-Sport angeht, sind wir ja in Tirol im Paradies. Ich bin gerne in den Bergen und genieße dort die Sonnenuntergänge, das gibt mir ganz viel Kraft. Ansonsten koche und backe ich gerne, das ist so meine zweite Leidenschaft. Darum lade ich oft Leute ein und verköstige sie, damit ich das dann auch wirklich regelmäßig mache.

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