Emotionaler Abschied der Weltmeisterin

Wer sich in den letzten Jahrzehnten genauer mit dem Voltigieren beschäftigt hat, kommt am Namen Jasmin Lindner nicht vorbei. Die Tirolerin hat sich über viele Jahre hinweg zum heimischen Aushängeschild entwickelt und nicht nur auf nationaler Ebene, sondern ebenfalls auf der internationalen Bühne sowohl im Einzel als auch im Pas de deux oftmals den Ton angegeben. Die 26-Jährige ist eine der wenigen AthletInnen, die während ihrer Laufbahn in allen drei Disziplinen (Einzel, Pas de deux und Gruppe) bei einem Championat eine Goldmedaille gewinnen konnte.


Nach einigen schwierigen Jahren, in denen die Tirolerin und ihr Partner Lukas Wacha mit vielen Verletzungen konfrontiert waren und somit nicht alles nach Plan gelaufen ist, kürte sich Lindner unlängst zum zweiten Mal in ihrer Karriere zur Einzelweltmeisterin, ihrem insgesamt fünften WM-Titel, und ließ einen weiteren Staatsmeistertitel folgen. Zwei großartige, vor allem aber auch emotionale Titel, die der Abschluss einer mehr als erfolgreichen Karriere waren.

„Jasmin hat über viele Jahre den heimischen Voltigier-Sport geprägt und sich als fixe Größe etabliert. Wir als Österreichischer Pferdesportverband sind für diese vielen tollen Momente und Erfolge sehr dankbar. Sie hat ihre Sportart mit ihrer großartigen Begeisterung kontinuierlich nach vorne gebracht und Österreich auf internationaler Bühne mehr als würdig präsentiert. Viele Länder haben uns in dieser Sparte als Vorbild gesehen und haben versucht, die Lücke zu schließen. Wir wünschen Jasmin alles Gute für ihre Zukunft und gratulieren herzlich zu einer tollen Karriere“, erklärt OEPS-Präsidentin Elisabeth Max-Theurer.

„The perfect Match“

Pferde standen bei der Tirolerin schon immer hoch im Kurs. Durch einen benachbarten Stall kam sie früh mit dem Voltigieren in Berührung. Lindner war immer schon ein aktiver Mensch, der kaum ruhig sitzen konnte und jede Gelegenheit zum Turnen und Springen nutzte. Ein „Vorliebe“, die perfekt zu ihrer Sportart passte, die sie mit sechs Jahren begonnen hatte – „The perfect Match“. Nun, 20 Jahre später, kann die 26-Jährige auf eine bewegte Karriere zurückblicken, die ihresgleichen sucht. „Meine Karriere ist definitiv besser verlaufen, als ich mir das je erträumt habe. In so eine Richtung zu planen, wäre vermessen gewesen. Ich kann mit großem Stolz auf viele tolle Momente und Erfolge zurückblicken und mich noch sehr gut an meine erste Europameisterschaft 2006 erinnern. Wir haben im Junior Team im Pas de deux Silber geholt und uns dann gesagt: Auch wenn wir keine weiteren großen Erfolge mehr feiern können, dürfen wir die Freude an unserem Sport nicht verlieren. Na ja, aber da sind noch einige tolle Erlebnisse dazugekommen“, schmunzelt die zweifache Einzelweltmeisterin, die darüber hinaus auch drei Weltmeistertitel im Pas des deux gewinnen konnte.

Wer glaubt, dass es „den einen Karrieremoment“ gegeben hat, der irrt. Für Lindner hat jeder Sieg seine eigene wichtige Geschichte und seine Charakteristik. „Man erlebt so viel. Man fühlt und fiebert mit sowie kämpft bis zum Schluss. Von dem her hat jeder Erfolg seinen Platz, das ist mir wichtig“, erklärt die amtierende Voltigier-Staatsmeisterin, die bereits während der langen Corona-bedingten Pause und dem Trainieren ohne greifbares Ziel oftmals ins Überlegen kam. Der Prozess bis zum Karriereende war schleichend, auch wenn Lindner diese Gedanken während der Weltmeisterschaft noch ausblenden, und zum Abschluss erneut einen großen Erfolg feiern konnte. „Ich wollte mir da nicht noch einen großen Druck auferlegen. Wäre ich mit dem Gedanken, dass es meine letzte WM ist, hineingegangen, wäre das sicherlich anders gelaufen und unplanbare Emotionen dazugekommen. Ich habe mir die Option für ein weiteres Jahr offengelassen. Dass es nun noch einmal so aufgegangen ist, ist natürlich super. Mein Körper und mein Kopf haben mir vermehrt Zeichen gegeben. Nach dem Weltmeistertitel habe ich gewusst, es kann nicht mehr besser werden. Die Entscheidung war klar, aber ich konnte sie nur nicht kommunizieren“, erinnert sich Lindner zurück. Das Voltigier-Ass wollte zum Abschluss allen zeigen, was in ihr steckt – und besser hätte ihr das nicht gelingen können. Nach einer schwierigen Zeit noch einmal ganz oben zu stehen, ist der Lohn für die harte Arbeit und zeigt, dass der erste WM-Titel 2016 keine Eintagsfliege war.

Emotionale Verabschiedung

Bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften war es dann so weit. Jasmin Lindner konnte sich ihren vorläufig letzten wichtigen nationalen Titel sichern. Knapp zwei Wochen später sollte das CVI in Stadl-Paura der letzte Wettkampf sein, dabei kam es zu einer großartigen Premiere. „Es war eine spontane Aktion. Ich habe eine Woche davor mit Lambert (Anm.: Leclezio; amtierender Weltmeister aus Frankreich) hin- und hergeschrieben, ob er uns nicht besuchen möchte. Er ist tatsächlich gekommen. Erstmals in der Geschichte sind zwei amtierende Weltmeister gemeinsam eingelaufen. Wir haben beide WM-Titel im selben Jahr (Anm.: 2016 und 2021) gemacht, das verbindet uns. Es war wirklich ein berührender Moment für mich, auch weil viele Freunde und Familienmitglieder dabei waren“, strahlt die Tirolerin, als sie von ihrem großen Abschied, der am Ende des Bewerbs zelebriert wurde, erzählt.

Nun ist das Kapitel „Wettkampfsport“ im Voltigieren beendet. Neben der laufenden Ausbildung zur Steuerberaterin ist Lindner bereits bei ihrem Verein VG Pill TU Sparkasse Schwaz als Nachwuchstrainerin engagiert und wird mit Sicherheit das eine oder andere Trainingslager bzw. -kurse mitmachen und auch in Zukunft bei einigen Veranstaltungen auftauchen. Ansonsten lässt die 26-Jährige, die seit 20 Jahren aktiv im Voltigieren tätig war, die Zukunft einmal entspannt auf sich zukommen und ist offen für alles. „Mit 26 Jahren wäre ich eigentlich noch im perfekten Alter. Dadurch, dass ich seit 15 Jahren an der Spitze bin und bei jedem Championat dabei war, habe ich den Schritt für das Karriereende wohl früher gemacht als andere. Ich habe mein Leben immer nach den Welt- bzw. Europameisterschaften ausgerichtet, das war nicht immer einfach. Der Zeitpunkt fühlt sich jetzt gut und richtig an. Ich habe eine wunderschöne Zeit im Spitzensport gehabt, aber jetzt wird es Zeit für was Neues“, findet Lindner, die sich selbst als ehrgeizig, zielstrebig und perfektionistisch bezeichnet und immer positiv denkt, schöne Schlussworte. Aber eines ist so klar, wie das Amen im Gebet: Zuerst wird die 26-jährige Tirolerin viel Zeit mit ihrem Freund Lukas (Anm.: Wacha) verbringen, der in den letzten Monaten fast ein wenig zu kurz gekommen ist!

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